Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
meine Zeit in England neigt sich dem Ende zu, weswegen ich
mir heute die Zeit gönne, meine Erfahrungen und Erlebnisse vor meinem inneren
Auge vorbeischweifen und euch daran teilhaben zu lassen. Ich versuche mich
dabei möglich kurz zu fassen, damit ihr den abendlichen grauen Novembermock
noch ein bisschen genießen könnt. Illustrationen meiner Erzählungen findet ihr hier.
Vor knapp 4 Wochen am 12.November bin ich in 10 Minuten in
Freiburg in den Hauptbahnhof hinein, also praktisch durch den Bahnhof in den
Zug hineingestiegen und hab mich auf die Reise - weit hinaus über die Grenzen
Europas – nach England begeben. In Köln hatte ich kurz Zeit, den Dom zu
bewundern, was in Brüssel leider nicht möglich war, da man dort für den
Flughafen ähnlichen Check-In gut ne Stunde einplanen muss. Nach gut 10h bin ich
aber, dank deutscher und nicht polnischer Staatsbürgerschaft, heil wenn auch
erschöpft in London angekommen, wo mich meine Freundin Morwena mit einem
Marokkanischen Tajine Gericht bei Freunden aufpäppelte. Am nächsten Morgen
erschlich ich mir ein Frühstück im Hotel, wo sie mit ihren Bruder eingecheckt
hatte. Sogar schon das Frühstück gestaltete sich zu einem Event, da ihr großer Bruder,
der von Geburt an geistig und körperlich eingeschränkt lebt, den Speisesaal
unterhielt, indem er das Frühstück weitläufig im Raum verteilte und mords den
Spaß dabei hatte. Nach diesen heiteren Eindrücken und etlichen Entschuldigungen
machten wir eine Radrundtour durch London und sahen uns die Tate Gallery of
Modern Art an, bzw. was man eben in 27 Minuten so sehen kann. Abends ging es
dann mit dem Zug nach Bristol, was 200km genau westlich von London nahe der
Küste liegt.
Bristol (430 T Einwohner) ist vergleichbar mit Freiburg:
viele junge Leute, schwarz-grün, hügelig. Morwena lebt hier ziemlich günstig
bei Freunden, die für ein gutes Jahr in Afrika rumdoktern und ihr für die Zeit
das Haus überlassen haben. Dementsprechend ist hier viel Platz, besonders der
große Wohn/Ess/Kochbereich mit offenem Dachgeschoss (Büro) lädt zum Flanieren
ein. Das ist wichtig, denn wie ihr euch vielleicht denken könnt, verbringe ich
hier mehr Zeit in der Küche als im Büro. Die Küche ist ziemlich geil
ausgestattet, weswegen ich hier täglich rumexperimentiere und schaue, dass die
Frau abends was Ordentliches auf den Tisch bekommt. Ja, ist schon ein wenig ein
Hausmann-Dasein, das ich hier friste. Neben der Zulassungsarbeit läuft mir das
aber gerade recht gut rein. Wenn ich nicht am Kochen oder Lesen bin, gehe ich
joggen oder mit Freunden bouldern, singe in einem Chor mit Alt-Kommunisten und
genieße die Feierabende mit Morwena. Die muss leider täglich um 6 Uhr aus dem
Bett und kommt erst gegen 7 Uhr abends wieder heim. Dementsprechend sind die
Abendstunden recht kostbar, auch wenn sie gottseidank mit wenig Schlaf
auskommt. Ich wäre nach täglich 4 Stunden Schlaf und 11 Stunden Schichten nicht
mehr gesellschaftsfähig. Aber zumindest die Wochenenden können wir mit kleinen
Events verplanen.
So waren wir in der Therme von Bath, wo auch Morwenas
Krankenhaus liegt, in dem sie arbeitet. In dem Spa badeten schon vor über 2000
Jahren die Kelten und Römer, dementsprechend war es aber auch arsch-teuer (55 €
pro Person für 3 h. Die spinnen, die Angelsachsen!). Allgemein ist das Leben
hier um einiges teurer als in Deutschland (Essen locker doppelt so teuer).
Zumindest kommt mir beim Wechselkurs der Brexit entgegen. Am vorvorletzten
Wochenende waren wir direkt an der Südküste Cornwalls in einem Sommerhaus, das
Freunden von Morwena gehört. Die Wellen waren leider nicht zum Surfen geeignet,
aber zumindest konnten wir auf dem Meer ein wenig rumpaddeln, was im November
auch schon ein Erlebnis ist. Das letzte Wochenende ging es ein zweites Mal nach
London. Endlich ging ein lang ersehnter Traum von mir in Erfüllung: Lion King…einfach
BOOM AWESOME! Zum Runterkommen haben wirs uns noch im „Cellar“ gemütlich
gemacht. Ist eine ehemalige Toilette in einem Kellerschacht, die nahe des
Lyceum Theatres liegt und zur Bar umgebaut wurde. Da passen maximal 30 Leute
rein, täglich gibt es eine Live-Performance und die Musical-Darsteller treffen
sich dort nach dem Auftritt. Wirklich sehr empfehlenswert. Wir konnten uns über
einen Drag Queen Auftritt freuen mit gelegentlichen Burlesque-Einlagen, was ein
bisschen verstörend für mich war. Dieses Wochenende fuhren wir zu Freunden nach
Wales (nahe Wrexham), wo ich die volle walisische Dröhnung bekam: Dudelsack,
Schafherden und rothaarige Babydrachen, die ab 6 Uhr morgens jegliches
Ausnüchtern unmöglich machen. War wirklich sehr schön, da es in meiner Zeit
hier nicht so oft vorgekommen ist, dass ich wie selbstverständlich Teil einer
Gruppe war und ich als ganze Person und nicht nur als „Mowena’s boyfriend“
wahrgenommen wurde. Dies liegt aber auch daran, dass ich immer besser die
Leute, nun selbst auch die Waliser, verstehe und mich freier auszudrücken weiß.
Neben „boy-time“ Holzfällerarbeiten kochten wir viel und musizierten abends
zusammen. Der Vater der Familie, die uns eingeladen hat, ist neben allem
möglichen auch Musiker und beherrscht mehr oder weniger alle Instrumente, die
man schlägt, streicht oder beatmet. So kam ich in den Genuss von walisischer
Folklore, während Morwena darauf einen Ceili (irischer Tanz) performte.
Gestern sind wir wieder in Bristol angekommen, damit Morwena
zur Arbeit gehen und ich meinen letzten Tag in England sinnvoll gestalten kann
und ich überlege mir, was mir hier besonders aufgefallen ist und was euch noch interessieren
könnte. Woran erkennt man, dass man in England ist? Schon gleich zu Beginn fiel
mir auf, dass du in Badezimmer hier vergeblich nach Steckdosen suchst. Die
Engländer scheinen eine große Angst vor Stromunfällen zu haben. Selbst ein Lichtschalter
gibt es nicht, sondern nur eine Kordel, an der man ziehen muss. Neben diesem
Unsinn haben sie aber oft in den Häusern Warmwasserboiler, die nur speziell in
Stoßzeiten laufen, um Strom zu sparen. Prädikat sinnvoll! Da es in England
viele Missionsversuche gab, stehen hier viele Kirchen rum, die heute ihre
Funktion aber meist verloren haben. Umso spannender ist es zu sehen, was die
Städte daraus machen. Hier in Bristol gibt es z.B. eine Kirche, die zur
Kletterhalle umgebaut wurde. Nicht die schlechteste aller Lösungen! Das
Vorurteil, England sei grau, nass und neblig, kann ich so leider nicht
dementieren, was aber auch an der Jahreszeit liegt. Dass die angehängten Bilder
so diesig aussehen, liegt aber meist an der Kamera und nicht am Wetter. Trotz
des Wetters sind die Bewohner dieser Insel aber ganz hervorragend höflich und
sehr zuvorkommend. Jedem und jeder wird die Tür aufgehalten, das
Anstehverhalten ist deutscher als deutsch und du wirst von der Kassiererin mit „my
love“ angesprochen. Insgesamt habe ich eine große Willkommenskultur erfahren
und mich selten fremd gefühlt, was auch daran liegt, dass es kaum einen einheitlichen
Akzent oder Dialekt gibt. So viele Menschen hier sind Migranten (1.,2.,3.
Generation), „Nothenes“ oder „Sothenes“, dass man als „Ausländer“ kaum
auffällt. Die weltoffene Stadt Bristol und Morwenas Kontakte haben mir aber
natürlich sehr geholfen. Ich denke noch gerne an den ersten Freitagabend, an
dem Morwena Nachtschicht hatte und sie mich in ihren Kleidern als Repräsentant
zu einer Geburtstagsparty geschickt hat. Ich kannte niemanden, aber wurde
gleich vor versammelter Mannschaft von der Hausherrin vorgestellt: „So das ist
Timo. Er ist der Freund von Morwena und kennt hier niemanden. Also, alle jetzt herkommen
und ihm kräftig die Hand schütteln.“ Wirklich saunett!
So, damit bin ich am Ende meines kleinen Blogs angelangt. Ich
hoffe sehr, dass ich viele von euch wieder in Freiburg bzw. daheim an Weihnachten
sehen werde und wir bei Bredle und Glühwein aufs Leben anstoßen können!
Bis bald, Timo
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