Timo geht Spazieren

Hallo ihr Lieben,

ich führe diesen Reiseblog seit 2008 und hab Spaß daran, auf diesem Wege über meine Reisen zu berichten. Über Kommentare und Nachrichten freue ich mich immer sehr.

Euer Timo

HeyHo Ihr Menschen...

Willkommen auf meinem "I'm still alive" - Blog..

Ich bin vom 14. August ab für 1 Jahr, 12 Monate, 356 Tage und 8544 Stunden in Uganda und das nicht unter Menschen sondern unter Ziegen und Schweinen. Ok, ganz stimmt dies nicht...ich darf auch Zweibeiner unterrichten, bsp.weise was der Bock und die Ziege falsch machen...

So jetzt habt ihr eine ungefähre Vorahnung, was ich solange machen werde und kann nur noch sagen, dass ich mich über ein paar Zeilen von euch wahnsinnig freuen würde.
Ich selbst schau auch so oft wie möglich rein und schreibe euch dann das wichtigste.

Carpe Diem, Timo

Montag, 12. Dezember 2016

Timo in England



Liebe Gemeinde, liebe Freunde,

meine Zeit in England neigt sich dem Ende zu, weswegen ich mir heute die Zeit gönne, meine Erfahrungen und Erlebnisse vor meinem inneren Auge vorbeischweifen und euch daran teilhaben zu lassen. Ich versuche mich dabei möglich kurz zu fassen, damit ihr den abendlichen grauen Novembermock noch ein bisschen genießen könnt. Illustrationen meiner Erzählungen findet ihr hier.

Vor knapp 4 Wochen am 12.November bin ich in 10 Minuten in Freiburg in den Hauptbahnhof hinein, also praktisch durch den Bahnhof in den Zug hineingestiegen und hab mich auf die Reise - weit hinaus über die Grenzen Europas – nach England begeben. In Köln hatte ich kurz Zeit, den Dom zu bewundern, was in Brüssel leider nicht möglich war, da man dort für den Flughafen ähnlichen Check-In gut ne Stunde einplanen muss. Nach gut 10h bin ich aber, dank deutscher und nicht polnischer Staatsbürgerschaft, heil wenn auch erschöpft in London angekommen, wo mich meine Freundin Morwena mit einem Marokkanischen Tajine Gericht bei Freunden aufpäppelte. Am nächsten Morgen erschlich ich mir ein Frühstück im Hotel, wo sie mit ihren Bruder eingecheckt hatte. Sogar schon das Frühstück gestaltete sich zu einem Event, da ihr großer Bruder, der von Geburt an geistig und körperlich eingeschränkt lebt, den Speisesaal unterhielt, indem er das Frühstück weitläufig im Raum verteilte und mords den Spaß dabei hatte. Nach diesen heiteren Eindrücken und etlichen Entschuldigungen machten wir eine Radrundtour durch London und sahen uns die Tate Gallery of Modern Art an, bzw. was man eben in 27 Minuten so sehen kann. Abends ging es dann mit dem Zug nach Bristol, was 200km genau westlich von London nahe der Küste liegt. 

Bristol (430 T Einwohner) ist vergleichbar mit Freiburg: viele junge Leute, schwarz-grün, hügelig. Morwena lebt hier ziemlich günstig bei Freunden, die für ein gutes Jahr in Afrika rumdoktern und ihr für die Zeit das Haus überlassen haben. Dementsprechend ist hier viel Platz, besonders der große Wohn/Ess/Kochbereich mit offenem Dachgeschoss (Büro) lädt zum Flanieren ein. Das ist wichtig, denn wie ihr euch vielleicht denken könnt, verbringe ich hier mehr Zeit in der Küche als im Büro. Die Küche ist ziemlich geil ausgestattet, weswegen ich hier täglich rumexperimentiere und schaue, dass die Frau abends was Ordentliches auf den Tisch bekommt. Ja, ist schon ein wenig ein Hausmann-Dasein, das ich hier friste. Neben der Zulassungsarbeit läuft mir das aber gerade recht gut rein. Wenn ich nicht am Kochen oder Lesen bin, gehe ich joggen oder mit Freunden bouldern, singe in einem Chor mit Alt-Kommunisten und genieße die Feierabende mit Morwena. Die muss leider täglich um 6 Uhr aus dem Bett und kommt erst gegen 7 Uhr abends wieder heim. Dementsprechend sind die Abendstunden recht kostbar, auch wenn sie gottseidank mit wenig Schlaf auskommt. Ich wäre nach täglich 4 Stunden Schlaf und 11 Stunden Schichten nicht mehr gesellschaftsfähig. Aber zumindest die Wochenenden können wir mit kleinen Events verplanen. 

So waren wir in der Therme von Bath, wo auch Morwenas Krankenhaus liegt, in dem sie arbeitet. In dem Spa badeten schon vor über 2000 Jahren die Kelten und Römer, dementsprechend war es aber auch arsch-teuer (55 € pro Person für 3 h. Die spinnen, die Angelsachsen!). Allgemein ist das Leben hier um einiges teurer als in Deutschland (Essen locker doppelt so teuer). Zumindest kommt mir beim Wechselkurs der Brexit entgegen. Am vorvorletzten Wochenende waren wir direkt an der Südküste Cornwalls in einem Sommerhaus, das Freunden von Morwena gehört. Die Wellen waren leider nicht zum Surfen geeignet, aber zumindest konnten wir auf dem Meer ein wenig rumpaddeln, was im November auch schon ein Erlebnis ist. Das letzte Wochenende ging es ein zweites Mal nach London. Endlich ging ein lang ersehnter Traum von mir in Erfüllung: Lion King…einfach BOOM AWESOME! Zum Runterkommen haben wirs uns noch im „Cellar“ gemütlich gemacht. Ist eine ehemalige Toilette in einem Kellerschacht, die nahe des Lyceum Theatres liegt und zur Bar umgebaut wurde. Da passen maximal 30 Leute rein, täglich gibt es eine Live-Performance und die Musical-Darsteller treffen sich dort nach dem Auftritt. Wirklich sehr empfehlenswert. Wir konnten uns über einen Drag Queen Auftritt freuen mit gelegentlichen Burlesque-Einlagen, was ein bisschen verstörend für mich war. Dieses Wochenende fuhren wir zu Freunden nach Wales (nahe Wrexham), wo ich die volle walisische Dröhnung bekam: Dudelsack, Schafherden und rothaarige Babydrachen, die ab 6 Uhr morgens jegliches Ausnüchtern unmöglich machen. War wirklich sehr schön, da es in meiner Zeit hier nicht so oft vorgekommen ist, dass ich wie selbstverständlich Teil einer Gruppe war und ich als ganze Person und nicht nur als „Mowena’s boyfriend“ wahrgenommen wurde. Dies liegt aber auch daran, dass ich immer besser die Leute, nun selbst auch die Waliser, verstehe und mich freier auszudrücken weiß. Neben „boy-time“ Holzfällerarbeiten kochten wir viel und musizierten abends zusammen. Der Vater der Familie, die uns eingeladen hat, ist neben allem möglichen auch Musiker und beherrscht mehr oder weniger alle Instrumente, die man schlägt, streicht oder beatmet. So kam ich in den Genuss von walisischer Folklore, während Morwena darauf einen Ceili (irischer Tanz) performte. 

Gestern sind wir wieder in Bristol angekommen, damit Morwena zur Arbeit gehen und ich meinen letzten Tag in England sinnvoll gestalten kann und ich überlege mir, was mir hier besonders aufgefallen ist und was euch noch interessieren könnte. Woran erkennt man, dass man in England ist? Schon gleich zu Beginn fiel mir auf, dass du in Badezimmer hier vergeblich nach Steckdosen suchst. Die Engländer scheinen eine große Angst vor Stromunfällen zu haben. Selbst ein Lichtschalter gibt es nicht, sondern nur eine Kordel, an der man ziehen muss. Neben diesem Unsinn haben sie aber oft in den Häusern Warmwasserboiler, die nur speziell in Stoßzeiten laufen, um Strom zu sparen. Prädikat sinnvoll! Da es in England viele Missionsversuche gab, stehen hier viele Kirchen rum, die heute ihre Funktion aber meist verloren haben. Umso spannender ist es zu sehen, was die Städte daraus machen. Hier in Bristol gibt es z.B. eine Kirche, die zur Kletterhalle umgebaut wurde. Nicht die schlechteste aller Lösungen! Das Vorurteil, England sei grau, nass und neblig, kann ich so leider nicht dementieren, was aber auch an der Jahreszeit liegt. Dass die angehängten Bilder so diesig aussehen, liegt aber meist an der Kamera und nicht am Wetter. Trotz des Wetters sind die Bewohner dieser Insel aber ganz hervorragend höflich und sehr zuvorkommend. Jedem und jeder wird die Tür aufgehalten, das Anstehverhalten ist deutscher als deutsch und du wirst von der Kassiererin mit „my love“ angesprochen. Insgesamt habe ich eine große Willkommenskultur erfahren und mich selten fremd gefühlt, was auch daran liegt, dass es kaum einen einheitlichen Akzent oder Dialekt gibt. So viele Menschen hier sind Migranten (1.,2.,3. Generation), „Nothenes“ oder „Sothenes“, dass man als „Ausländer“ kaum auffällt. Die weltoffene Stadt Bristol und Morwenas Kontakte haben mir aber natürlich sehr geholfen. Ich denke noch gerne an den ersten Freitagabend, an dem Morwena Nachtschicht hatte und sie mich in ihren Kleidern als Repräsentant zu einer Geburtstagsparty geschickt hat. Ich kannte niemanden, aber wurde gleich vor versammelter Mannschaft von der Hausherrin vorgestellt: „So das ist Timo. Er ist der Freund von Morwena und kennt hier niemanden. Also, alle jetzt herkommen und ihm kräftig die Hand schütteln.“ Wirklich saunett! 

So, damit bin ich am Ende meines kleinen Blogs angelangt. Ich hoffe sehr, dass ich viele von euch wieder in Freiburg bzw. daheim an Weihnachten sehen werde und wir bei Bredle und Glühwein aufs Leben anstoßen können!
Bis bald, Timo

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