Timo geht Spazieren

Hallo ihr Lieben,

ich führe diesen Reiseblog seit 2008 und hab Spaß daran, auf diesem Wege über meine Reisen zu berichten. Über Kommentare und Nachrichten freue ich mich immer sehr.

Euer Timo

HeyHo Ihr Menschen...

Willkommen auf meinem "I'm still alive" - Blog..

Ich bin vom 14. August ab für 1 Jahr, 12 Monate, 356 Tage und 8544 Stunden in Uganda und das nicht unter Menschen sondern unter Ziegen und Schweinen. Ok, ganz stimmt dies nicht...ich darf auch Zweibeiner unterrichten, bsp.weise was der Bock und die Ziege falsch machen...

So jetzt habt ihr eine ungefähre Vorahnung, was ich solange machen werde und kann nur noch sagen, dass ich mich über ein paar Zeilen von euch wahnsinnig freuen würde.
Ich selbst schau auch so oft wie möglich rein und schreibe euch dann das wichtigste.

Carpe Diem, Timo

Donnerstag, 4. April 2013

Leben in Istanbul

Hallo Freunde der Reiselust,

ich bin nun gut einen Monat hier in Istanbul und dachte mir, dass es mal an der Zeit wäre, meine bisher erlebte Zeit festzuhalten, bevor der Semesterbeginn wieder alles wegspült. Nachdem ich am 01.März meine Arbeit als Elektriker nach zwei Monaten quittierte, ging es am nächsten Tag mittags nach Ulm. Dort wartete ich eine volle Stunde vergebens auf meinen Bus, der mich nach Istanbul bringen sollte. Schon fast den Tränen nahe, rief ich meinen Bruder Simon an, der mir einen Flug buchen sollte. Just vor der Buchung kam der Bus aber an. Die Busfahrt war jetzt nicht wirklich der Bringer. Ich hatte mir allerdings ausgerechnet, dass ich durch die gesparten CO2 Emissionen die volle Zeit in Istanbul Fleisch essen darf und trotzdem nicht unter der Last meiner Schuld zusammenbrechen würde. Wenn an dieser Überlegung was stinkt, dann sind es auf jeden Fall die alten, türkischen Mitreisenden im Bus, die mir die Fahrt nicht wirklich angenehm machten. Waren zwar alle super nett, aber da die Klimaanlage ausgefallen war, waren die Tage stinkend, stickig, schwül und die Nächte stinkend, schlaflos und saukalt. Immerhin hatte jeder Passagier einen eigenen Bildschirm mit Filmen und Musik – natürlich alles in Türkisch. So konnte ich mich zumindest schon einmal schlafend an die „üüüü“s und „öööö“s gewöhnen, wie ein Ungeborenes an klassische Musik. An der Grenze zur Türkei habe ich dann zu meiner Flasche Rum noch im Duty Free Shop einen Scotch gekauft, da ich wusste, dass in der Türkei auf Alkohol eine sozial unverträgliche Steuer lastet. Das Problem war nur, dass die lieben Grenzbeamten den Kofferraum aufmachten und einen Großteil der Koffer öffneten. Mein Rucksack war aber glücklicherweise nicht darunter.

Ankuft in Istanbul
Nach ansonsten unproblematischen 36 Stunden kam ich Montag früh um 4 Uhr morgens in der Stadt an. Ein frisch gewonnener deutsch-türkischer Freund gab uns beim ersten türkischen Cay letzte Sicherheitseinweisungen, dann ging die Suche nach einem Hostel los. Ich durfte nämlich erst um 17 Uhr in meine Wohnung und wollte bis dahin noch mit einer Freundin die Stadt erkunden. Ich begleitete sie zu einem Hostel mit Rooftop Dorm, absolut unglaublich schön. Das war hier der bisher bezauberndste Moment. Oben im Dormitory war ein großes Fenster mit einem Fenstersims, auf den man stehen konnte. Unter dir die großen Moscheen von Sultanahmet, alles schimmert im Schein der aufgehenden Sonne und dann beginnen auch noch die Muezzine von den Minaretten aus zu singen…betörend fantastisch. Nach diesem Höhenausflug fühlte ich mich ziemlich schlapp und beschloss mich hinzulegen und ein paar Stunden zu schlafen. Nach drei Stunden ging ich runter zur Rezeption, um mich für den spontanen Schlaf zu entschuldigen und ein wenig Trinkgeld zu geben. Unten wartete schon der Besitzer des Hostels wütend auf mich, der die Polizei anrufen wollte und mich des Hausfriedensbruchs beschuldigte. Ich bin schon in vielen Hostels gewesen und eigentlich ist so etwas nicht das Problem, aber der war ziemlich cholerisch veranlagt. Nachdem ich ihn beschwichtigen konnte, wollte er zumindest, dass ich 10€ „Strafe“ zahle. Das war mir dann auch egal. Hauptsache kein Türkischunterricht im Knast.

Die türkische Sprache
Der richtige Türkischunterricht begann dann dienstags um 9 in der Schule Dilmer, die ca. 25 min von meiner Wohnung entfernt, in die ich montagabends glücklich „eingecheckt“ bin. Die Schule kann ich sehr empfehlen, auch wenn unser Lehrer der englischen Sprache nicht mächtig war und ich sein Türkisch kaum verstand, wenn mal wieder eine Geschichte leidenschaftlich und ungebremst aus ihm heraussprudelte. Türkisch fällt mir recht schwer zu lernen, da man im Spanischen oder Französischen einfach viel besser Wörter ableiten kann. Dafür ist die Grammatik ziemlich logisch und einfach. Das Deutsche besitzt in vielen Dingen auch eine viel differenziertere Ausdrucksweise, außer natürlich was romantische Sprachgefilde anbelangt. Es gibt hier selbst ein Wort für die Wiederspiegelung des Mondscheins im Wasser – „Yakamoz“. Für mich wirken hier die Lieder und Sprüche unglaublich kitschig, Deutsche werde dagegen als kalt und distanziert bezeichnet. Eine kleine Kostprobe der türkisch emotionalen Tiefe bekam ich am letzten Samstag, als ich am Bosporus saß und ein kleines Schiff vorbeiziehen sah. Der Kapitän des Schiffs warf seine Lasermaschine an und am Brückengeländer des Wahrzeichens Istanbul erschien ein Liebesbekenntnis, gefolgt von „Benimle evlenir misin?“ (Willst du mich heiraten?). 3 Sekunden schreiende Stille, dann erschien in großen Lettern „Evet, Evet, Evet!“ und das Feuerwerk begann. Ich möchte es euch Lesern überlassen, was ihr davon haltet. Der Kommentar meiner türkischen Freunde war nur: „Das ist doch alter Kaffee. So etwas macht heutzutage doch jeder.“ Ich glaube da können wir Deutsche echt noch was lernen.

Türkischer, familiärer Abend
Weiß nicht, was euch sonst noch so interessieren könnte. Meine Wohnung ist ziemlich verratzt, aber mein türkischer Mitbewohner ist ziemlich nett, auch wenn er leider der englischen Sprache zu mächtig ist, sodass wir wenig Türkisch sprechen. Eine deutsche Freundin, die in meiner Nachbarschaft wohnt, lebt in einer konservativen, türkischen Familie, was ziemlich spannend ist. Sie ist 26, ihr „Vater“ erlaubt ihr allerdings nicht, länger als 23 Uhr wegzubleiben. Es dürfen auch keine männlichen Besucher nachhause kommen. Bei mir haben sie erst eine Ausnahme gemacht. War ein ziemlich witziger, leckerer und verstörender Abend! Das Essen war bombastisch, richtig unique Türkisch. Nach dem Essen meinten die Gasttöchter, dass ich entweder das Essen bezahlen soll und einen Bauchtanz vorführe. Klare Entscheidung! So ging die komplette Familie, inklusive Vater und Großvater in das Zimmer der Schwestern und wir tanzten alle Tanzstile vom Schwarzen Meer bis ins hinterste Anatolien durch. Es war leicht verstörend, als der sonst sehr strenge und disziplinierte Vater den Hosengürtel seiner Frau hinten packte und ihr half ihren Hintern zu shaken…für die Verarbeitung dieser Eindrücke werde ich Jahre brauchen.

Nachtexkursion
Alles in allem lässt es sich hier richtig gut leben. Istanbul ist zwar teuer (ca. 500€ fürs Leben und 250€ Miete pro Monat), aber die Stadt lebt und platzt und raucht einfach aus allen Nähten…genial! Vor 20 Jahren waren hier noch 5 Millionen Einwohner und jetzt sind es geschätzte 20 Millionen. Völlig unkontrollierbar und gaga! Das führt auch dazu, dass natürlich nicht jeder das Stadtgebiet kennt, in das man gerade gehen will. So bin ich einmal nachts in einen Bus eingestiegen, um heimzufahren. Ich hab sogar noch zwei Jungs gefragt, ob dieser Bus nach „Ortaköy“ fährt. Sie bejahten und meinten, dass dies auch ihr Zielort sei. Die Fahrt ging los. Nach 15 min fuhren wir über eine Brücke, was auf meinem Heimweg eigentlich nicht der Fall ist. Die Zwei verwiesen nur darauf, dass der Bus schon noch nach „Ortaköy“ fahren würde. Nach 50 min Busfahrt kamen wir dann um 4 Uhr an. Ich stieg mit den beiden aus und sie zeigten mir ein großes Schild, auf dem „Ataköy“ stand. Ficken! Gottseidank luden sie mich zu sich nachhause ein, wo ich die restliche Nacht dann schlafen konnte. Das war echt ein Akt!
Ansonsten bin ich recht viel rumgelaufen, hab einige Bazare besucht, das Modern Istanbul Museum, war auf den Prinzeninseln und hatte viele schöne Nächte mit spannenden Leuten, die ich durch Hinz und Kunz kennengelernt hab. Besonders schön waren die Nächte und Besuche bei Deutsch-Türken, da sie dir die Stadt und das türkische Leben am besten näher bringen können. Außerdem haben irgendwie die meisten meiner Freunde hier zu viel Geld, sodass ich auch hin und wieder den Luxus eines Altbau Apartments mit Sicht auf den Bosporus genießen kann.

Hamam Erlebnis
Jetzt hab ich genau noch 7 Tage zur freien Verfügung, die ich mit Partys, Terassenchillen und Hamampeelings füllen werde. Ah…Hamam…da hab ich noch ne kleine Anekdote. Eine Freundin von mir war von ner Woche in nem kleinen, lokalen Hamam und ist ziemlich verstört wieder rausgekommen. Es gab einen achteckigen Raum, indem in der Mitte eine Art Altar angebracht war auf dem die Gäste sich nackt hinlegen mussten. Dann kam die Teigkneterin herein und massierte jede Frau ordentlich durch, wobei durch die zentrale Lage des Tisches alle Blicke im Raum auf die jeweils Glückliche gerichtet war. Zu allem Überdruss konnte das Mieder der Masseurin ihre Brust nicht ganz in Schach halten, wodurch sich die Patienten natürlich noch mehr verkrampften. Informiert euch also bitte genauestens, solltet ihr einmal ein Hamam aufsuchen!

Gut das war’s von mir. Ich freu mich schon darauf, euch alle bald wieder in Deutschland zu sehen. Grillen, chillen, schwimmen…yapyap!

Beste Grüße, Selamlar,
Timo Türk

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