Hallo, ihr beneidenswerten Zurückgebliebenen,
Ich sende Euch herzlich warme Grüsse aus dem wunderschönen Uganda. Seitdem ich vor vier Monaten am 14.08. meine Heimaterde verlassen habe, ist für mich jeder Tag wie ein Geschenk, das ich neugierig und voller Vorfreude öffnen darf. Hier am Queen Elizabeth National Parc, 15 km vom Äquator entfernt, arbeite ich für ein Jahr als Freiwilliger im Rahmen des Weltwärts-Programmes in einer NGO, die sich „St. Martinus-Schenke eine Ziege“ nennt. Das Projekt wurde 2006 von den damaligen Abiturienten Robert Wunderlich und Vanessa Velte und einem ugandischen Conrektor, namens Kule Sylvester, gegründet. Das Ziel ist es seine 147 Mitgliedsfamilien, die in 8 Gruppen eingeteilt sind, in allen lebensnotwendigen Dingen wie Tierhaltung und Ernährung zu unterrichten und ihnen danach eine Ziege zu geben, mit der sie sinnvoll wirtschaften können. Meine Arbeit ist mannigfaltig. Mir wurden zwar vom Projekt Aufgabenbereiche zugeteilt, an Freiräumen, die ich mit eigenen Ideen füllen kann, mangelt es allerdings nicht. All meine Arbeiten bewältige ich zusammen mit einer 19-jährigen Abiturientin, namens Johanna Nürk, die freiwillig und auf eigene Kosten nach Uganda gereist ist, um für fünf Monate dem Projekt zu helfen. Sie ist die einzige Weiße, die mit mir am Projekt lebt. Meine Hauptaufgabe für dieses Jahr sehe ich im interkulturellen Austausch. So glaube ich nicht daran, dass ich in diesem Jahr viel bewirken werde. Vielmehr glaube ich, dass man durch das Vorleben einer anderen Denkweise langsam bei den Leuten ein Bewusstsein schaffen kann, dass es auch anders geht. Nur wenn die Menschen von sich aus ihr Bewusstsein erweitern, bzw. verändern, kann es zu einer nachhaltigen Entwicklung kommen. Realistisch gesehen bin ICH allerdings derjenige, der entwickelt wird.
Ein weiterer großer Aufgabenbereich war das Besuchen unserer 147 Familien, was wir jetzt abgeschlossen haben. Dieser Energie und Nerven zehrende Kraftakt war auf jeden Fall notwendig und sinnvoll. Zum einen, um die katastrophalen Fragebögen mit den sicherlich ausgewürfelten Fakten über unsere Mitglieder richtig zu stellen und zum anderen, um ihnen begreiflich zu machen: „Hey, wir interessieren uns für euer Leben und deswegen ist es für uns auch kein Problem mit euch vom selben Teller zu essen!“ Zusätzlich versuchen wir z.Z. den Aktenberg im Büro zu strukturieren und zu digitalisieren. Außerdem konnten Johanna und ich in Kampala, der Hauptstadt des Landes, einen Markt für das Kunsthandwerk unserer Farmer erschließen, was wirklich eine große Chance für die Frauen darstellt um ihr Einkommen aufzustocken. Eine weitere Aufgabe, die mir zugeteilt wurde, ist das Unterrichten der Farmer in Englisch, Mathe, AIDS-Prävention, Lesen und Schreiben. Diese Arbeit macht mir ziemlich Spaß, vor allem, da die Frauen meist recht interessiert sind und grinsend dem Unterricht beiwohnen, was hoffentlich nicht daher rührt, dass ein weißer, „respektabler“ Mann, mit Händen und Füssen wild gestikulierend vor ihnen steht. Es ist allerdings ein bisschen schade, wenn man merkt, dass man mit der allgemeinen Ausbildung des Gymnasiums bald an seine Grenzen stößt. So kann ich zwar den genauen Rezeptor der T-Helferzelle benennen, an den der HI-Virus andockt, weiss allerdings nicht, was man essen sollte, wenn man den Virus bereits in sich trägt. Deswegen überfliege ich hier des Öfteren Kochrezepte für HIV-Infizierte, was in Anbetracht meiner derzeitigen gesundheitlichen Lage nicht nur für meine teils AIDS- befallenen Farmer von Nutzen ist.
Dies führt mich direkt zu einem weiteren Aufgabenbereich meiner Arbeit: Stichwort „Überleben“. Ich habe diesen Punkt ganz bewusst unter der Kategorie „Arbeit“ eingeordnet, da man sich in Deutschland gar nicht bewusst ist, was es bedeutet, etwas Schmackhaftes von sauberen Tellern zu essen oder saubere, duftende Kleidung tragen zu können. Anfangs hat es schon etwas Romantisches, sich ohne eine Herdplatte ein gutes Abendessen zu zaubern oder seine Kleider an einem sonnigen Sonntag in Plastikwannen zu waschen. Aber ich kann Euch sagen, dass man nach einem heißen, anstrengenden Tag draußen bei den Gruppen bald keine Lust mehr hat erstmal eine halbe Stunde zum Markt zu radeln, einzukaufen, dann daheim zu fegen und das Gemüse klein zu schneiden und während der Kochtopf brodelt, runter zum Wassertank zu laufen, um mit dem Wasserkanister Wasser für die leeren Plastikflaschen zu holen, die dann wiederum zur „Desinfektion“ in die UV-strahlenreiche Sonne gestellt werden müssen und und und. Das Problem ist nur, dass diese Arbeiten zu einem manchmal 7-stündigen Arbeitstag noch dazu kommen. Jetzt denken viele sicher, dass 7-stündiges Unterrichten, Fragen stellen, Rumsitzen und Laufen und anschließende 2-stündige Hausarbeit für einen jungen Mann, dessen biologische Uhr voll aufgezogen ist, doch machbar sein sollte. Aber hier kommen einfach so viele Faktoren dazu, die Körper und Geist belasten.
Zum Einen ist das Klima hier tropisch, was heißt, dass es immer über 20`C hat, meistens so 30`C und das bei einer Luftfeuchtigkeit, bei der ich nicht mehr weiss, ob ich einfach nur schwitze, oder ob das Wasser aus der Luft an meinem Körper kondensiert. Dies bedeutet, dass ich täglich bis zu 5 Liter Wasser zu mir nehmen müsste, was mir in der Realität ziemlich schwer fällt. Ein weiterer Punkt, der sehr mein Gemüt beschwert, ist das Essen hier. Falls einer von Euch mal ugandisch kochen möchte, nehme er einfach die mehligste Kartoffel, die er finden kann, gebe Bohnen und Löwenzahnblätter dazu und koch das Ganze drei Stunden lang. Achtung, ganz wichtig: ja nicht in irgendeiner Weise würzen, weder mit Salz, noch mit einem anderen Essen aufwertenden Gewürz. Das war natürlich übertrieben, aber es gibt hier nur selten Essen, bei dem es eine Schande wäre, die Pfanne nicht leer zu lecken. An ein saftiges, proteinhaltiges Fleisch komme ich auch nicht allzu oft ran und wenn, dann bekommt es mir meistens nicht gut. Ich gebe mir aber trotzdem die größte Mühe, was heißt, dass ich mein Gewicht, das im ersten Monat von 68 auf 62 kg gefallen ist, halten kann. Ein weiterer Punkt, warum ich nicht zur vollen Leistungsfähigkeit auffahren kann, ist, dass den Leuten hier der europäische Drang zum Stress völlig fehlt. Alles ein bisschen ruhiger angehen und sich für Dinge Zeit nehmen, kann ja echt nett sein. Aber auf Dauer greift das die Psyche an. Ob man auf dem Markt einkauft oder mit Ugandern Fahrrad fährt oder bei ihnen eingeladen ist, alles geht ganz laaaangsam, irrational und unökonomisch von statten. In diesem Punkt bin ich doch mehr deutsch als ich gedacht habe. Aber man muss sagen, dass sich im Laufe der Zeit schon Vieles getan hat. Während ich im ersten Monat noch 1 ½ h für den Fußmarsch zu den Gruppen brauchte, schaffe ich das jetzt mit dem Fahrrad in einer halben Stunde. Die Arbeit ist, seitdem wir mit dem Besuchen unserer Farmer fertig sind, auch weniger geworden. Wir hatten auch schon länger keine Wasserknappheit mehr, weswegen wir nicht mehr auf Flusswasser zurückgreifen müssen, was meiner Gesundheit sehr zu gute kommt. Zu diesem Punkt muss ich allerdings gestehen, dass ich durchaus die Möglichkeit hätte, Trinkwasser zu kaufen. Aber bis jetzt bin ich noch so unvernünftig, weil ich lieber wenig Geld für Anti-Würmertabletten ausgebe, als viel Geld für Kauf und Transport der Flaschen. Auch sonst geht es mit meiner Gesundheit Berg auf. Und wenn mal was sein sollte, dann kann ich gleich zu meinen deutschen Freunden im nahe gelegenen Krankenhaus gehen, die mich dann mit Kuchen und Antibiotika gesund pflegen. Außerdem haben wir am Projekt einen Farm- und Clean- Day eingeführt, was heißt, dass es zum einen einen vollen Tag gibt für alle möglichen anfallenden Arbeiten, wie das Besprühen der Ziegen, und zum anderen, dass ich jetzt ein komplettes Wochenende habe, das nur von den zahllosen, der englischen Sprache nicht mächtigen, Besuchern gestört wird.
Allgemein kann ich über mangelnden Kontakt zur Bevölkerung nicht klagen. Dadurch, dass ich durch die Besuche einen so großen Einblick in das Leben „meiner“ Farmer gewinnen konnte und nicht erhaben in einem Bischofspalast residiere, glaube ich, dass ich einigermaßen über die Unterschiede zwischen Europäern und Ostafrikanern Bescheid weiss. Die Ugander, im Speziellen der Stamm der Bakonzo, mit dem ich hier zusammen lebe, ist ein sehr lebensfreudiger Stamm. Noch nie habe ich Menschen zuvor gesehen, die bei einem Einkommen von unter 1 € eine solche vollkommene Lebensfreude ausstrahlen und ausleben. Ein Jeder grüsst den Anderen auf der Straße und schenkt jedem Bekannten, den er auf der Straße trifft, ein paar Minuten seiner doch so knappen Lebenszeit. Wenn man bedenkt, dass Europäer im Durchschnitt 20 Jahre länger leben als Ugander und man diese Zeit hochrechnet, die sie mit Menschen verbringen müssten, dann wirken Europäer aus Sicht der Leute hier noch mehr wie seelenlose Maschinen. Aber ich muss gestehen, dass ich trotz dieser netten Bekanntschaften schon den einen oder anderen Kulturschock hinter mir habe. Dinge wie das örtliche Schönheitsideal: kräftige Arme, dicke Hintern und eine kleine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen kann man noch nachvollziehen, aber bei den Ausübungen mancher Bräuche habe ich schon Probleme, die hiesige Kultur in meiner Weltanschauung unterzubringen. So verzieht das Hochzeitspaar bei der Feier keine Miene und der Gang zum Altar ähnelt mehr dem Gang zum Schafott. Es ist auch selbstverständlich, dass der Mann von einem gewissen „Garantie-Recht“ Gebrauch machen kann und die jüngere Schwester seiner Frau heiratet, falls diese verstorben ist. Eine weitere Eigenart ist, dass relative viele Menschen auf ihren Körpern kleine Narben tragen, die von einer „Behandlung“ durch Hexer stammen. Bei dem Gedanken an solche Praktiken habe ich schon ein flaues Gefühl im Magen, besonders, da gerade erst Fälle bekannt geworden sind, dass ein paar Kinder den Göttern geopfert wurden, um Häuser vor dem Einsturz zu bewahren. Hier ist es auch üblich, dass man Leute, die man nicht leiden kann, einfach vergiftet. So wurde das Kind einer Farmerin vergiftet, weil die Ehefrau ihres Bruder neidisch auf sie war und sie peinigen wollte. Verallgemeinert würde ich sagen, dass der größte Unterschied der Kulturen in den Menschen selbst liegt. Die Leute hier sind, so banal wie komplex es auch klingen mag, anders. Sie fühlen anders, sie denken anders und sie handeln anders, als ich es als Europäer gewohnt bin. Es fällt mir hier beispielsweise sehr schwer mit den Einheimischen zu kommunizieren. Natürlich liegt das teilweise daran, dass ich kaum Lukonzo sprechen kann, da es zum einen sehr schwer zu lernen ist und es zum anderen sehr entmutigend ist, eine Sprache zu lernen, die in der Nachbarstadt schon nicht mehr gesprochen wird. Es liegt aber auch daran, dass die Menschen hier ein komplett anderes Denkmuster aufweisen. Sie verstehen keine Ironie und können nur sehr selten konkret Fragen beantworten. Als ich beispielsweise auf der Straße einen Mann regungslos liegen sah, fragte ich den Busfahrer, ob man schon den Notarzt verständigt hat. Er antwortete mir: „Ja, ich glaube der Mann lebt noch.“. Oder wenn ich auf dem Markt frage, ob es das grüne T-shirt noch in einer Nummer kleiner gibt, dann gibt mir der Verkäufer ein zwar kleineres, aber komplett anderes T-shirt. Am Deutlichsten wird Unterschied wenn man das ugandische Schulsystem betrachtet. Ich habe schon ein paar Schulklassen besucht und überall war es dasselbe Bild. In Deutschland würde der Lehrer auf die Tafel zeigen und fragen: „What is this?“, und der Schüler würde antworten: „It’s a black bord.“. Gleiche Situation in Uganda: Lehrer: „This is a black bord… a black bord…it is what?“; Schüler: „It’s a black bord.“. Deswegen sind hier viele Schüler nicht fähig eigenständig zu denken, was dazu führt, dass Ugander wahrscheinlich die führenden Weltmeister im Auswendiglernen sind. Ungefähr das gleiche Phänomen lässt sich in der Kirche beobachten. Die meisten Leute sind fleißige Kirchgänger, aber ihnen fehlt der typisch westliche Zweifel in ihrem Glauben. Sie sehen auch nicht ein, warum sie daran etwas ändern sollten, denn in der Bibel heißt es: „Selig, die glauben ohne zu sehen.“ (oder so ähnlich). Das Problem ist nur, dass sie dem Pfarrer genauso Glauben schenken wie den oft gefährlichen Hexern. Allgemein bin ich von der Kirche hier enttäuscht. Sie leistet zwar viel Entwicklungshilfe, doch der christliche Glaube animiert die Leute nicht, wie in der lateinamerikanischen Befreiungskirche, Hilfe an sich selbst und am Nächsten zu üben. Sie sagen vielmehr: „Bete zu Gott, dann wirst du schon genügend zu essen haben.“ Ihr seht, dass ich jetzt schon viel über meine Arbeit und die Menschen erzählt habe, ohne meine sonstigen Erlebnisse und Eindrücke zu schildern. Doch um Euch schriftlich mitzuteilen, was ich bisher alles erlebt habe, müsste ich den halben Regenwald abholzen. Ich beschränke mich deswegen nur auf eine bloße assoziative, stichpunktartige, nicht-chronologische Aufzählung des bisher Geschehenen: Schlachten eines Hahnes und eines Hasen, wobei der Hase leider sehr große Augen hatte; Spielen von deutschen und englischen Liedern mit der Gitarre in der Kirche; Wandel der Haarpracht vom Hippy, zum Emo und jetzt zum Skinhead, wobei die letzte Frisur von den Afrikanern ironischerweise als Zeichen meines Willens zur Integration gedeutet wird, was nur sekundär stimmt. Primär ist sie einfach unglaublich praktisch; Besuch von Leopold Wunderlich, dem „Vater“ des Projekts, Robert Wunderlich, dem Initiator und Alev, einer „Kamerafrau“, die mich besucht haben, um das Projekt zu inspizieren und einen Film darüber zu drehen; Fahren mit dem Motor-Cross Bike durch den Matsch; Laufen mit einem Fahrrad in der linken und einem Huhn in der rechten Hand durch den Matsch; Pizzabäcker mit Schlitzaugen; 8-stündige Busfahrt ohne Klo; Party im Friseursalon; Bekanntschaft mit einer Windel, die durch das offenes Fenster eines Hauses in Kasese flog; Brief eines mir unbekannten Sohnes einer Farmerin von uns, in dem folgendes stand: „Hello my best friend, I want one bike, one ball, two big cherricans, Thank you, your best friend, Francis“; Zwei Schultage in einer Secondary School voll miterlebt, d.h. 3:30 aufstehen und 21:00 zu Bett gehen (wie es um die Konzentrationsfähigkeit der Schüler bestimmt ist, kann sich wohl jeder denken); Treffen mit zwei Bischöfen, wobei ich einmal vor allen Versammelten auf Englisch vorbeten musste; Mitbeten in einer Moschee; Feiern der deutschen Wiedervereinigung mit Weißwurscht, süßem Senf und gezapftem Bier; Wandern im Regenwald; Kopf in das spritzende Wasser eines Wasserfalls halten; Beobachten von Hyänen, Elefanten und Antilopen auf der normalen Landstrasse; Bewundern von allen möglichen afrikanischen Tieren bei der Fahrt durch den „Kasinga Channel“, wobei der König der Tiere noch auf meiner photographischen „Abschussliste“ fehlt; Baden im traumhaften Lake Kivu; Wildwasser Rafting im Nil bei Stufe 5; Kuscheln mit den süßesten Kindern und Babies auf der ganzen Welt!
Abschließend möchte ich allen danken, die mir dieses einzigartige Jahr ermöglichen. Danke an meine Organisation und an Weltwärts, dass sie so viel Vertrauen in mich gesetzt haben. Danke an meine zahlreichen Spender, die mir helfen dieses Jahr unbekümmerter genießen zu können. Danke an meine Freunde, die immer eine Kerze für mich brennen lassen und Danke an meine Familie für die wöchentlichen Anrufe und monatlichen „Notfall-Pakete“, die meine Seele und meinen Bauch mit Wärme füllen.
Ich weiss, dass dieses Jahr ein ganz besonderes Jahr ist und ich hoffe, dass ich nach einem Jahr mit ein paar Erfahrungen und einer Flasche abgefüllter Lebensfreude reicher nach Deutschland zurückkehren werde. Schon jetzt bin ich um die Gewissheit reicher, dass ich ein Jahr in Amerika oder England ohne größere Probleme überstehen würde, da ich bis jetzt keine Spur von Heimweh habe. Natürlich habe ich meine Familie unglaublich lieb, aber dadurch, dass ich weiss, dass sich in dieser Beziehung nie oder nur sehr langsam etwas ändern wird, habe ich keine Angst sie zu verlieren. Man kann jemand nur vermissen, wenn man versucht ihn festzuhalten! Was ich allerdings vermisse sind meine Freunde und bestimmte materielle „Grundrechte“ wie eine immer funktionierende Dusche, eine harte Matratze, Privatsphäre, die man leider zu Zweit in einem 10 m² Zimmer nicht hat und Essen, das schmeckt und an der nächsten Döner Bude leicht, schnell und billig erhältlich ist. Das ist auch schon eine meiner großen Herausforderungen hier: die Sehnsucht! Sehnsucht nach gutem Essen, Sehnsucht nach geistiger Nahrung, Sehnsucht nach Kälte, Sehnsucht nach Stress, Sehnsucht nach einem guten Gespräch, Sehnsucht nach kantigen, Hass erfüllten Menschen,… Ich hoffe, dass ich während diesem Jahr lerne mit dieser zerfressenden Sehnsucht umzugehen.
Unter anderem ist ein Ziel meiner Reise die Höhen und Tiefen des Lebens kennen zu lernen und ich muss sagen, dass Uganda dafür die perfekte Grundlage bereithält. Es gibt hier an allem viel: viele Geburten, viele Hochzeiten, viele Beerdigungen. Wie die Natur sprießt und vergeht hier alles in Massen. Homo Faber würde sagen: „Es stinkt nach Fruchtbarkeit!“ Das ist das Reizvolle an diesem Land. Es ist praktisch unmöglich oberflächlich dahinzuvegetieren. Etwas anderes, was mir hier bewusst geworden ist, ist, dass ich ein totales Herdentier bin. Ich bin so froh über jeden Menschen, mit dem ich hier interagieren kann. Vallence, unser Farmmanager am Projekt, erklärt mir alles über Männer und Frauen in Uganda. Sylvester, der ugandische Kopf des Projekts, versucht ein bisschen die Vater Rolle einzunehmen. Die deutschen Ärzte am Krankenhaus und die schottischen Missionare in Kasese zeigen mir hin und wieder wie schön man doch in Uganda leben kann. Johanna hilft mir durch ihre deutsche Stimme am Projekt und durch ihre Person, die meinem Typus zunächst komplett entgegengesetzt war. Mit der Zeit haben wir uns allerdings aneinander gewöhnt, uns angeglichen und auch ein bisschen lieb gewonnen. Wiebke, eine Erziehungswissenschaftlerin und Phillip, ebenfalls wie ich ein Freiwilliger vom BDKJ, sind meine geistigen Stützen in Uganda. Mit ihnen kann ich auf hohem Niveau diskutieren und trinken. Ganz wichtig sind natürlich auch alle Menschen, die mit mir über Internet oder Handy Kontakt aufnehmen und mir helfen, den Draht nach Deutschland nicht völlig zu verlieren. Ganz besonders seien da erwähnt: Simon Bongard, mein bester Freund, der gerade für ein Jahr in Tansania ist, Katja Mohn, meine aller beste Freundin und Dominik Volk, der für die Freuden des Lebens zuständig ist. Mit all diesen Leuten im Schlepptau denke ich, dass ich gut gewappnet bin für die nächsten zwei Drittel. Das erste Drittel ging schon so schnell rum, auch wenn es mir so vorkommt, dass der Tag der Abreise in Deutschland schon Jahre zurück liegt. Bis jetzt zumindest genieße ich jeden Tag, an dem ich die Wunder dieser Welt bestaunen darf und ich bin froh, dass mir mein Projekt so viele Freiheiten lässt, was manche Entbehrung wieder aufwiegt. Am 13. Januar fliegt allerdings Johanna zurück nach Deutschland und dann werde ich alleine am Projekt zurück bleiben, was eine harte Probe darstellen wird. Ok, Vallence, der Farmmanager, Ericana, der Übersetzer, Dr. Yussuf, der Tierarzt und Kato, der Ziegenhirte werden mir am Projektgelände noch Gesellschaft leisten. Ich bin gespannt wie ich mit dieser neuen Situation umgehen werde. Das ist aber auch das Schöne hier. Es gibt eine solche Fülle an Möglichkeiten und Wege, die man begehen kann, sodass man immer gespannt sein kann, was als nächstes kommt. Ich freue mich auf die Zukunft!
P.S.: Wer noch mehr Informationen zu meinem Projekt haben möchte, der kann dies unter: www.schenkeeineziege.de tun.
Ich freue mich wahnsinnig über jeden, der mir ein paar Zeilen schreibt!!! Im Grunde beantworte ich alle Nachrichten. Dies kann nur leider wegen den örtlichen miserablen Begebenheiten eine Weile dauern.
Machts gut und bis bald,
euer Timo Kussauer
Samstag, 27. Dezember 2008
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